Spitzenreiter Schweiz

"Wie ein wendiges kleines Segelschiff"

Prof. Dr. Uschi Backes-Gellner, Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich und Mitglied der Expertenkommission für Forschung und Innovation, erklärt, weshalb die Schweiz innovativer ist als andere Länder.

Als Deutsche, die in Zürich arbeitet: Überrascht es Sie, dass die Schweiz erneut den Innovationsindikator anführt?
Überhaupt nicht. Ich habe die Schweiz immer wie ein wendiges kleines Segelschiff erlebt, demgegenüber mir Deutschland eher wie ein schwerfälliger Tanker vorkam.

Fragt sich natürlich, woran das liegt. Begünstigen die Besonderheiten im politischen System die Innovationsfähigkeit?
Die direkte Demokratie hat sicher auch auf die Innovationsfähigkeit und wohl noch mehr auf die Innovationswilligkeit bedeutenden Einfluss. Aktuell zeigt sich das am Vergleich zwischen Stuttgart 21 und der Durchmesserlinie mit unterirdischem Bahnhof in Zürich – der per Volksabstimmung beschlossen und dann ohne Probleme umgesetzt wurde.

Besonders deutlich führt die Schweiz im Bereich Wissenschaft. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
Ja. Man spürt hier in seiner täglichen Arbeit ständig die hohe Wertschätzung für Forschung und Wissenschaft. Das fängt an bei der baulichen Substanz der Universitäten, geht weiter über hochwertige Lehrstuhlausstattungen und endet bei großen Entscheidungsspielräumen und hervorragender Unterstützung durch die Administration. Während ich in Deutschland als Lehrstuhlinhaberin sieben Jahre lang ein Kürzungsprogramm nach dem anderen über mich ergehen lassen musste, durfte ich in der Schweiz plötzlich über Schwerpunktsetzungen für eine mehrjährige Ausbauphase nachdenken. Zugleich gibt es eine starke und vor allem an internationalen Standards gemessene Leistungsorientierung.

Letztere wirkt offenbar auch im Bildungssystem – wo sehen Sie hier die besonderen Stärken?
Der große Vorteil des Bildungssystems ist seine ausgeprägte Differenzierung. Neben einem gut ausgestatteten Primar- und Sekundarschulbereich steht ein duales Bildungssystem, in dem bis heute zwei Drittel eines Jahrgangs eine international mehr als wettbewerbsfähige berufliche Ausbildung bekommen. Parallel dazu gibt es hervorragende Gymnasien, deren Qualität durch strenge Aufnahmeprüfungen sichergestellt wird und die den Hochschulen eine kleine, aber exzellent ausgebildete Zahl an Studienplatzbewerbern garantieren. Komplementiert wird das Ganze durch ein vorbildlich ausgebautes System an formaler Weiterbildung, das nach dem Prinzip „kein Abschluss ohne Anschluss“ jedem Interessierten eine Weiterentwicklungsmöglichkeit bis hin zur Tertiärstufe einräumt. Besonders stolz kann die Schweiz auf ihre höhere Berufsbildung sein, die eine hochwertige, an der betrieblichen Praxis orientierte und mit theoretischem Wissen unterfütterte tertiäre Ausbildung darstellt.

Welche Rolle spielt die Wirtschaft dabei?

Durch die starke Einbindung der Unternehmen in die berufliche und höhere Ausbildung eines sehr großen Teils der Bevölkerung werden einerseits eine sehr gute Abstimmung der Ausbildungsinhalte mit dem Bedarf garantiert und andererseits die staatlichen Ressourcen geschont.

Was wiederum erklären würde, warum die Schweiz mit dem Input mehr Output erzielt als andere.
Ja, die Einbindung der Unternehmen in die Berufsbildung ist die Grundlage für eine vergleichsweise großzügige Ressourcenausstattung der akademischen Bildung und Forschung. Auch deshalb sind in der Schweiz sensationelle 70 Prozent der Studierenden an einer Spitzenhochschule – Top 200 im Shanghai-Ranking –, während es in den USA oder Deutschland nur rund 20 Prozent sind. Solche Bedingungen ziehen die weltweit besten Köpfe, ob Studierende oder Dozierende, an, die wiederum – in Kombination mit den in den Unternehmen hervorragend ausgebildeten Facharbeitern – den idealen Nährboden für Innovationen bilden.

Klingt nach einem perfekten Bildungssystem – ohne jeden Makel?

Wenn man nach Schwächen des schweizerischen Bildungssystems sucht, dann fällt einem vor allem die Fragmentierung aufgrund kantonaler Schulzuständigkeiten ein. Aber auch an der Behebung dieses Problems wird im Moment mit Nachdruck gearbeitet.

 

Gesamtindikator
Schweiz
76
Singapur
63
Schweden
61
Deutschland
57
Finnland
57
Niederlande
56
Norwegen
55
Österreich
53
USA
53
Belgien
52
Kanada
51
Taiwan
50
Dänemark
50
Frankreich
50
Großbritannien
49
Australien
48
Irland
47
Korea
43
Japan
39
Spanien
24
China
18
Italien
16
Indien
12
Russland
10
Brasilien
0
Südafrika
0
Alle Berechnungen auf Basis der neuen Methode
Quelle: Innovationsindikator 2011