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Szenarien
Szenario 2: Hochschulbildungsoffensive
Das Szenario unterstellt, dass ab 2006 im Rahmen einer Hochschulbildungsoffensive von Bund und Ländern das Grundmittelbudget der Hochschulen schrittweise bis 2010 um drei Milliarden Euro erhöht wurde mit dem Ziel, die Lehrsituation an den Hochschulen zu verbessern. Damit erhöht sich das Budget der Hochschulen um rund zehn Prozent gegenüber dem aktuellen Wert. Diese zusätzlichen Mittel sollten vor allem in Lehrangebote und Studienplätze sowie in ein besseres Betreuungsverhältnis und eine insgesamt bessere Betreuung der Studierenden investiert werden. Außerdem sollten die Mittel für eine bessere finanzielle Unterstützung von sozial schwächeren Studierenden sowie zur Finanzierung der durch die Einführung von Studiengebühren gestiegenen Studienkosten genutzt werden.
Das Szenario geht somit davon aus, dass die mit dem Hochschulpakt 2020 angestoßenen zusätzlichen Investitionen früher und deutlich kräftiger als tatsächlich in den Hochschulen spürbar gewesen wären. So sieht der Pakt für die Jahre 2007 bis 2010 nur zusätzliche Investitionen von insgesamt rund einer Milliarde Euro vor. Damit werden bestehende Studienplätze gesichert und zusätzliche – bei allerdings verschlechterten Betreuungs-relationen – geschaffen. Erst für 2011 bis 2015 sind im Hochschulpakt größere Ausgabensteigerungen von insgesamt 3,2 Milliarden Euro geplant. Das Szenario zeigt auch die Anstrengungen auf, die notwendig wären, wenn die in der Initiative „Bildungsrepublik“ beabsichtigte Erhöhung der Ausgaben für Forschung und Bildung auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis zum Jahr 2015 realisiert werden soll.
Das Szenario unterstellt, dass mit diesem Maßnahmenkatalog zum einen eine höhere Studienbeteiligung erreicht werden kann. Denn gerade Mitte der 2000er-Jahre fiel die Studienanfängerquote, das heißt die Zahl der Studienanfänger in Relation zur altersgleichen Bevölkerung, von 37,5 Prozent 2004 auf 34,4 Prozent 2007. Im Szenario wird angenommen, dass durch die günstigeren Studienbedingungen die Studienanfängerquote stattdessen bis 2007 nur leicht auf 36,5 Prozent zurückgegangen und bis 2010 auf über 40 Prozent angestiegen wäre. Zudem erhöht sich im Fall des Szenarios die Anzahl der Studienabsolventen, da durch die bessere Betreuung die Abbruchquote und die durchschnittliche Studiendauer reduziert würden. Diese Effekte treten jedoch erst mit einer zeitlichen Verzögerung ein, sodass ein signifikanter Anstieg der Absolventenzahlen erst ab 2008 angenommen wird.
Mögliche Effekte auf die Forschungstätigkeit an den Hochschulen werden in dem Szenario ausgeblendet. Ebenso werden keine kurzfristigen Effekte auf das Forschungs- und Innovationsverhalten der Unternehmen angenommen.
Die Szenarioannahmen betreffen drei Indikatoren, die Hochschulausgaben je Studenten, den Anteil der Hochschulabsolventen an der Bevölkerung sowie die Relation zwischen Hochschulabsolventen und den über 55-jährigen Akademikern. Für alle drei Indikatoren kommt es im Szenario zu höheren Werten für Deutschland. Der Indikator „Hochschulausgaben je Studenten“ steigt jedoch nur leicht an, da den höheren Hochschulbudgets auch steigende Studierendenzahlen gegenüberstehen. Die Studierendenzahlen sind von 2005 bis 2010 um acht Prozent angestiegen. Im Szenario wird ein Anstieg von elf Prozent angenommen. Dadurch würde mittelfristig eine höhere Zahl an Hochqualifizierten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Die daraus resultierenden möglichen positiven Effekte auf das Innovationssystem werden in der Szenariorechnung jedoch nicht untersucht.
Auswirkungen auf den Indexwert
Auch dieses Szenario berücksichtigt bei der Entwicklung des Indikatorwertes für Deutschland die tatsächlichen Entwicklungen in den anderen Ländern. Die Auswirkung der Annahmen des Szenarios „Hochschulbildungsoffensive“ auf den Indikatorwert für Deutschland ist kurzfristig betrachtet gering. 2010 würde Deutschlands Gesamtindikatorwert lediglich um 0,3 Punkte über dem tatsächlichen Wert liegen. Der wesentliche Grund für die geringen Effekte liegt darin, dass die kräftige Mittelausweitung für die Hochschulbildung über die im Innovationsindikator verwendeten Kennzahlen nicht direkt abgebildet wird. Vielmehr werden die Ausgaben für Hochschulbildung an der Anzahl der Studenten und somit an einem „Qualitätsindikator“ gemessen. Denn höhere Ausgaben je Student bedeuten in der Regel ein besseres Betreuungsverhältnis und eine bessere Ausstattung in der Lehre, die sich wiederum in besseren Studienbedingungen widerspiegeln sollten. Da im Szenario angenommen wird, dass die Hochschulbildungsoffensive nicht nur mit höheren Ausgaben, sondern auch mit einer höheren Studienneigung der Studienberechtigten einhergeht, fällt die Steigerung der Hochschulausgaben je Student deutlich geringer aus als die Steigerung der Budgets der Hochschulen.
Allerdings stehen den eher geringen Auswirkungen beim Innovationsindikator nicht unbeachtliche Änderungen in absoluten Werten entgegen. In diesem Szenario stehen dem Arbeitsmarkt Ende 2010 in etwa 34.000 zusätzliche Absolventen zur Verfügung. Bei einer kontinuierlichen Fortsetzung der im Szenario angenommenen Hochschulbildungsoffensive könnte der aktuell festzustellende Fachkräftemangel auf mittlere Sicht erheblich verringert werden.
Zudem liegt der wesentliche Beitrag des Bildungssystems und damit auch der Hochschulen zur Innovationsfähigkeit eines Landes in der Vermittlung innovationsrelevanter Fertigkeiten und Kenntnisse. Diese wirken sich jedoch erst aus, wenn die Studierenden ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und in Wirtschaft, Wissenschaft oder Verwaltung beruflich tätig werden. Zwischen den zusätzlichen Investitionen in die Hochschulbildung und messbaren Effekten im Arbeitskräfteangebot und im Humankapital einer Gesellschaft vergeht so erhebliche Zeit.
Langer Atem nötig
In jedem Fall zeigt dieser Zusammenhang eine entscheidende Herausforderung für die Innovationspolitik an: Im Bildungsbereich liegen – anders als in der Forschungsförderung für Unternehmen – erhebliche Zeitverzögerungen zwischen politischen Maßnahmen und ihren Wirkungen, die die Länge der unter anderem durch Legislaturperioden vorgegebenen Politikzyklen weit übersteigen.
Umso wichtiger ist es, dass die Bildungspolitik eine langfristige Perspektive einnimmt und rechtzeitig die Investitionen vornimmt, die die Voraussetzung für die Innovationsfähigkeit der nächsten Jahrzehnte bilden. Hierfür sollte die Bildungspolitik aus dem (parteipolitischen) Wettbewerb herausgenommen und als eine zentrale Zukunftsaufgabe der Gesellschaft insgesamt betrachtet werden. Investitionen in Bildung sind Investitionen in das künftige Gemeinwohl einer Gesellschaft, das im Interesse aller liegen muss.
Das Szenario zeigt auch, dass selbst eine Hochschulbildungsoffensive im Ausmaß von drei Milliarden Euro pro Jahr nicht reichen würde, um die absehbare Lücke an Hochqualifizierten zu schließen. Denn im eben begonnenen Jahrzehnt wird einerseits die Zahl der sehr gut qualifizierten Arbeitskräfte stark zunehmen, die altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden, während andererseits die Zahl junger Hochschulabsolventen tendenziell abnimmt. Dies wird in den nächsten Jahren dank einzelner Sondereffekte – doppelte Abiturjahrgänge, Abschaffung der Wehrpflicht, verkürzte Studienzeiten durch den Umstieg auf Bachelor- und Masterstudien – nicht sofort spürbar sein. Gegen Ende der 2010er-Jahre wird die Lücke aber umso schneller sichtbar werden. Um die absehbare Knappheit an Fachpersonal so weit wie möglich zu begrenzen, müsste jetzt entschieden gegengesteuert werden. Dies betrifft alle Ebenen des Bildungssystems ebenso wie die Migrationspolitik und Maßnahmen zur besseren Nutzung der vorhandenen Potenziale, wie zum Beispiel eine familienfreundliche Gestaltung der Arbeitswelt.
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