Foto: Vaclav Volrab/Shutterstock.com

Neue Technologien

Deutschland: Pionier oder Spätzünder?

Der Vorwurf hält sich hartnäckig: Die deutsche Wirtschaft verpasst wichtige Trends und greift neue Technologien viel zu spät auf. Vor allem in der Nano- und Biotechnologie hinken die Deutschen hinterher. Wie berechtigt Ist diese Kritik? Eine langfristige Analyse der Wettbewerbsfähigkeit in ausgewählten, innovativen Technologiefeldern ergibt ein differenziertes Bild.

Wirtschaft und Wissenschaft verändern sich ständig. Dies gilt nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für ganze Branchen, Technologien oder Wissenschaftsgebiete. Neue Bereiche entstehen, zuvor erfolgreiche verschwinden. Ein Negativbeispiel ist die die Bekleidungsindustrie: Im Laufe des 20. Jahrhunderts wanderten wesentliche Teile aus Deutschland ab. Auch durch verbesserte Produktionstechnik oder höhere Qualität konnte sie dem immer stärkeren Preiswettbewerb kaum beikommen. Viele deutsche Standorte waren daher im zunehmend globalen Wettbewerb ohne Chance. Aber auch Industrien, die auf Forschung und neuen Technologien beruhen, sind einem permanenten Strukturwandel unterworfen. Dazu gehört etwa die Elektroindustrie, eine deutsche Leitbranche, die sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. An Bedeutung verloren haben etwa Produktionsbereiche wie die elektrischen Anlagen oder Haushaltsgeräte. Auch hier hat der Preis- über den Technologiewettbewerb die Oberhand gewonnen. In den vergangenen 20 Jahren erfasste dieser Prozess auch Teile der Elektronik. Insbesondere bei Consumer Electronics, Computern und Telekommunikation verlor Deutschland große Teile der früheren Produktionskapazität. Vor allem die auf Konsumentenmärkte ausgerichteten Bereiche der Informations- und Kommunikationstechnik verlegten Unternehmen an billigere Produktionsstandorte.

Computer in einer Reihe (Foto: Oleksiy Mark/Shutterstock.com)
Die Produktion von Informations- und Kommunikationstechnik wurde schon vor längerer Zeit an günstigere Standorte verlagert.

Wer in diesem permanenten Strukturwandel langfristig erfolgreich sein will, muss sich anpassen. Das hat die Innovationspolitik weltweit erkannt und versucht den Wandel zu gestalten, um für das jeweilige Land die besten Rahmenbedingungen zu schaffen. Es geht vor allem darum, neue Technologien zu entwickeln und sie rasch aufzugreifen. Sie sollen die Lücken schließen, die abwandernde Technologien und Sektoren hinterlassen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
Deutschland sagt man jedoch nach, bei neuen Technologien etwas träge und behäbig zu reagieren. Neue Trends und neue Ideen würden hierzulande erst deutlich später aufgegriffen als in anderen Ländern. Deshalb hat Deutschland, so meinen viele, bei neuen und dynamischen Technologien selten die Nase vorne. Dahinter steckt die Annahme: Wer zuerst kommt, erreicht die größte Wettbewerbsfähigkeit und damit auch die größten Marktanteile. Diese Perspektive bezeichnet die wissenschaftliche Literatur als First-Mover-Advantage oder Early-Adopter-Vorteil. Es finden sich aber auch Gegenargumente, die ein spätes Einschwenken auf neue Technologie- und Produktpfade als vorteilhaft ansehen. Beispielweise sind die Lernkosten zu Beginn häufig hoch, ebenso die Kosten der Marktentwicklung, die einem später hinzukommenden Akteur weitgehend erspart bleiben.

iPhone in einer Hand (Foto: endermasali/Shutterstock.com)
Apples iPhone gilt als „dominantes Design“ für alle heutigen Smartphones.

Ein sehr bekanntes theoretisches Konzept, wie sich radikal neue Technologien etablieren – das heißt, wie Technologien neue Märkte schaffen –, entwickelten Abernathy und Utterback bereits in den 1970er-Jahren. Demnach suchen in neuen Märkten, die gerade entstehen, viele Akteure nach technologischen Lösungen für neu aufgetretene Bedürfnisse oder gesellschaftliche Probleme. Von den zahlreichen Ideen setzt sich allerdings meist nur eine durch, die dann zum sogenannten dominanten Design wird. Nach diesem Modell hat derjenige zunächst die Nase vorn, dessen Technologie dominiert. In einer zweiten Phase der Entwicklung finden sich dann alternative Lösungen beziehungsweise Nachahmerprodukte, die geringfügige (inkrementelle) Verbesserungen oder eine etwas bessere Qualität anbieten. In einer weiteren Phase schließlich verstärkt sich der Kostendruck: Prozessinnovationen (Verfahren zur Herstellung des jeweiligen Produkts) führen zu Preisvorteilen, die den ursprünglichen Innovator aus dem Markt drängen können.

Andere Modelle legen den Fokus auf den Entwicklungspfad von neuen Technologien. Meyer-Kramer und Dreher haben etwa ein Modell vorgeschlagen, das neue Technologien häufig in zwei Wellen hervorbringt. Einer Anfangseuphorie folgt die Phase der Ernüchterung, in der bis dahin gefundene unterschiedliche technologische Lösungen aussortiert werden. Schließlich kristallisiert sich ein dominanter Technologiepfad heraus, ähnlich wie das dominante Design von Utterback und Abernathy. Vielfach angewendet, überführen Unternehmen diese technologische Lösung in Produkte, die sich sehr gut vermarkten lassen. In der Realität findet sich dieses Modell in vielen Technologiebereichen, etwa bei Industrierobotern, elektrisch leitenden Polymeren oder auch bei erneuerbaren Energietechnologien.

Deutsche Industrie greift Trends früh auf
Bedeutende neue Technologien und Technologiepfade der Gegenwart sind die Biotechnologie, die Nanotechnologie und für Deutschland besonders interessant die erneuerbaren Energietechnologien. Den größten und relevantesten Anteil machen hier derzeit Windkraft und Photovoltaik aus wie auch Wasser- oder Biomasse-Energie. Gegenwärtig diskutiert Europa sehr intensiv über Advanced Manufacturing Technologies (AMT) – in Deutschland läuft diese Diskussion unter der breiteren Überschrift Industrie 4.0. – und Key Enabling Technologies (KET) als entscheidende Technologien der Zukunft. Diese Schlüsseltechnologien umfassen auf europäischer Ebene Biotechnologie, Nanotechnologie, Optische Technologien sowie moderne Produktionstechnologien (Advanced Manucfacturing). Wie sieht es hier mit der technologischen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands aus und wie hat sich diese in den letzten 30 Jahren entwickelt?

Vergleicht man Patentanmeldungen und wissenschaftliche Publikationen aus Deutschland mit denen weltweit (als Gesamtmaß für die technologische/wissenschaftliche Entwicklung), ergeben sich in den Trends zunächst keine Unterschiede. Die deutsche Wissenschaft und auch die deutsche Industrie greifen neue technologische Trends ähnlich früh auf wie andere Länder. Bei keiner der genannten Technologien ist  Deutschland später dran als der Rest der Welt. Das zeigen die abgebildeten Trends der absoluten Zahlen für Patente und Publikationen in der Nanotechnologie und den erneuerbaren Energietechnologien.

Die Entwicklung der Nanotechnologie begann bereits in 1980er-Jahren. Schon damals waren deutsche Forschungseinrichtungen und auch einige deutsche Unternehmen aktiv. So stammten die zwei angemeldeten Patente aus dem Jahr 1982 beide aus Deutschland. Allerdings meldeten bis Ende der 1980er-Jahre auch andere Länder Patente zu diesem Thema an. Eine Verspätung bei den deutschen Aktivitäten lässt sich hier jedoch nicht zeigen.

Download

Hier laden Sie das Thema „Neue Technologien“ als PDF-Zusammenfassung herunter.
PDF-Download

Subindikator Wirtschaft
Schweiz
69
Taiwan
59
Südkorea
58
Norwegen
58
Deutschland
57
Japan
57
USA
56
Finnland
55
Belgien
55
Schweden
54
Irland
52
Israel
52
Österreich
52
Niederlande
50
Singapur
49
Dänemark
48
Frankreich
47
Großbritannien
45
Kanada
42
Australien
38
Ungarn
37
Tschechien
36
China
32
Spanien
31
Portugal
29
Türkei
21
Indien
20
Russland
20
Südafrika
17
Indonesien
16
Italien
16
Mexiko
16
Griechenland
13
Brasilien
7
Polen
5
Quelle: Innovationsindikator 2014
Anteil der Wertschöpfung in der Hochtechnologie an der gesamten Wertschöpfung
China
100
Tschechien
100
Deutschland
100
Ungarn
100
Irland
100
Südkorea
100
Taiwan
100
Schweiz
89
Schweden
70
Japan
61
Mexiko
58
Österreich
55
Finnland
54
Indien
44
Brasilien
41
Russland
38
Türkei
31
Dänemark
30
Italien
28
Belgien
25
Kanada
24
Großbritannien
18
Niederlande
17
Polen
16
Portugal
16
USA
10
Spanien
10
Norwegen
8
Indonesien
0
Israel
0
Singapur
0
Südafrika
0
Australien
0
Frankreich
0
Griechenland
0
Alle Berechnungen auf Basis der neuen Methode
Quelle: Innovationsindikator 2014