Absteiger USA

Es zeigt sich in der diesjährigen Analyse sehr deutlich, dass die USA nicht mehr zur Spitzengruppe gehören und mit dem 2010 erreichten neunten Platz (Indikatorwert 53) nur noch im Mittelfeld liegen – hinter Deutschland. Aufgrund der Banken- und Wirtschaftskrise, die in den USA ihren Ausgangspunkt nahm und auch ihre stärksten Auswirkungen zeigte, hat das Land in den vergangenen beiden Jahren einige Plätze verloren. Allerdings war auch vor 2009 bereits eine Erosion der US-amerikanischen Position zu erkennen. Über eine lange Zeit konnten sich die USA hinter der Schweiz behaupten, mussten aber in der Folge der New-Economy-Krise zur Jahrtausendwende bereits Schweden und Finnland sowie zuletzt -Singapur und die Niederlande passieren lassen. Nun sind die USA also weiter abgerutscht und – wenn auch nur knapp – hinter Deutschland, Finnland, der Niederlande, Norwegen und Österreich zurückgefallen.

Da diese Entwicklung Ausdruck struktureller Probleme ist, droht den USA auch der dauerhafte Verbleib im breiten Mittelfeld, wenn nicht sogar noch ein weiteres Abrutschen. Sie sind zwar nach wie vor die größte FuE-Nation und auch ihr Wissenschaftssystem ist absolut betrachtet nach wie vor das weltweit größte. Allerdings könnte man aufgrund der Größe des Landes noch einiges mehr erwarten. Außerdem fand die größere Dynamik zuletzt in anderen Ländern statt. Eine ganz besondere Herausforderung für die USA ist das enorme Handelsdefizit gerade bei Hochtechnologieprodukten. Die USA importieren rund 40 Prozent mehr Hochtechnologie als sie exportieren. Die massiven FuE- und Wissenschaftsinvestitionen machen sich für die USA unter dem Strich auf der internationalen Bühne schon lange nicht mehr in dem Maß bezahlt, wie dies früher der Fall war. Dies liegt auch daran, dass andere Länder ebenfalls die Bedeutung von Forschung und Innovation erkannt haben und die Konkurrenz größer wurde.

Das amerikanische Wirtschaftssystem
Letztlich ist das Abrutschen der Amerikaner im Innovationsindikator auch ein Symptom für tiefer gehende Probleme im gesamten Wirtschaftssystem. Ein aktuell stark steigendes Staatsdefizit und insbesondere eine notorisch negative Handelsbilanz erzeugen Druck auf das System, wobei das hohe Staatsdefizit in den USA seit der Reagan-Regierung in den 1980er-Jahren schon fast Tradition hat. Damals sollten deutliche Steuersenkungen und staatliche Investitionen die Wirtschaft ankurbeln. Explodiert sind diese Schuldenwerte der USA wegen der massiven Militärausgaben ab 2001. Hinzu kamen die durch die aktuelle Banken- und Wirtschaftskrise hervorgerufenen Herausforderungen für die Sozialsysteme. Das Staatsdefizit der Obama-Regierung hat sich von 2008 auf 2009 mehr als verdreifacht. Trotz des eigentlich nach außen von allen Parteien vertretenen Ideals des schlanken Staates, mit dem die Amerikaner seit Jahrzehnten dynamisches Wachstum verbinden, ist mittlerweile fraglich, ob nicht ein Paradigmenwechsel hin zu einer schuldenfinanzierten Staatstätigkeit stattgefunden hat. Erfahrungen der 1970er-Jahre sowie der 1990er in Japan deuten an, dass eine solche Politik langfristig nicht tragbar ist. Vielmehr erhöhen die über exzessive Schuldenaufnahme finanzierten staatlichen Ausgaben die Geldmenge und verdrängen unter Umständen private Investitionen. Mögliche Folgen sind Inflation und ein niedrigeres mittelfristiges Wirtschaftswachstum.

Bilanzdefizite der USA
Neben dem Staatsdefizit verzeichnen die USA auch ein enormes Leistungsbilanzdefizit, das den Bedarf an Kapitalzufluss erhöht und dadurch Druck auf den US-Dollar ausübt, was wiederum die Inflation ansteigen lässt. Das Problem der amerikanischen Verschuldung gegenüber dem Ausland ist in vielerlei Hinsicht problematischer als das Deutschlands. Erstens ist das deutsche Staatsdefizit geringer – nicht nur absolut, sondern auch gemessen an der Wirtschaftskraft. Zweitens steht in Deutschland dem Staatsdefizit ein hoher Überschuss der Privatwirtschaft gegenüber, sodass sich der Staat in einer Nettobetrachtung gegenüber den eigenen Bürgern verschuldet, während sich in den USA auch die Privaten zunehmend gegenüber dem Ausland verschulden, die Nation als solche also mittelfristig immer mehr in Abhängigkeit gerät.

Problematisch ist darüber hinaus die Art der Verwendung der schuldenfinanzierten Ressourcen. Das Handelsdefizit der USA ist in erster Linie auf Konsumausgaben zurück zuführen. Ferner unterliegen heute viele Konsumgüter wie beispielsweise Elektronikartikel stärker einem Preiswettbewerb als noch vor einigen Jahren, sodass die Fähigkeit, kostengünstig produzieren zu können, zum entscheidenden Wettbewerbsparameter geworden ist. Billige Produktionsstandorte bieten die westlichen Industrienationen – darunter auch die USA – jedoch bereits seit geraumer Zeit nicht mehr. Daher ist die Bedeutung von Innovationen und neuen Technologien auf qualitativ hohem Niveau eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der westlichen Industrienationen, zumindest jener, die keine Rohstoffe anzubieten haben wie Norwegen oder Russland. Es ist davon auszugehen, dass die aufgenommenen Schulden nicht so verwendet wurden, dass hieraus ökonomische Rückflüsse in Form einer Stärkung der US-amerikanischen Wettbewerbsposition zu erwarten sind.

USA verlieren an Bedeutung
Nach den Analysen des neuen Innovationsindikators werden die USA in den nächsten Jahren nicht nur relativ zu ihrer Größe und ihren Aufwendungen keinen Spitzenplatz mehr einnehmen. Sie werden mittelfristig auch absolut nicht mehr an der Spitze stehen, weder bei FuE-Aufwendungen noch bei wissenschaftlichen Publikationen oder Patenten. In weiter entfernter Zukunft werden sie auch nicht mehr die größte Volkswirtschaft der Welt sein. Dies ist bereits heute absehbar, denn dazu sind die USA aufgrund der Bevölkerungszahl zu klein. Es ist zu erwarten, dass mindestens China und möglicherweise Indien, wenn sie weiterhin in dem bisherigen Tempo die Produktivität von Arbeit und Kapitaleinsatz erhöhen, bei der Wirtschaftskraft zu den USA aufschließen und diese schließlich überflügeln werden. Das muss allerdings weder für die USA noch für andere Länder ein grundsätzliches Problem sein.

Mit einem Indikatorwert von 52, nur leicht hinter den USA, erreicht Belgien den zehnten Rang. Darauf folgt eine Gruppe bestehend aus Kanada (51), Taiwan (50), Dänemark (50) und den beiden großen europäischen Industrienationen Frankreich (50) und Großbritannien (49), dahinter liegen schließlich Australien (48) und Irland (47), das selbst diesen Platz angesichts der durch die Wirtschaftskrise notwendig gewordene Sparpolitik in Zukunft sicher kaum wird halten können.

Subindikator Wirtschaft
Schweiz
70
Taiwan
61
Norwegen
61
Singapur
60
Schweden
59
Deutschland
59
USA
56
Niederlande
53
Finnland
50
Belgien
50
Korea
50
Japan
49
Frankreich
49
Österreich
48
Großbritannien
45
Irland
44
Dänemark
44
Kanada
35
Australien
32
Spanien
31
Russland
29
China
28
Indien
17
Italien
14
Südafrika
11
Brasilien
6
Alle Berechnungen auf Basis der neuen Methode
Quelle: Innovationsindikator 2011

Venture Capital

Interview mit Dörte Höppner, Generalsekretärin des Europäischen Equity- und Venture Capital-Verbandes (EVCA) in Brüssel, über Wagniskapital in den USA und Europa.
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Für die Frühphase eingesetztes Venture Kapital in Relation zum Bruttoinlandsprodukt
USA
100
Schweden
90
Schweiz
71
Norwegen
68
Finnland
67
Niederlande
66
Großbritannien
65
Belgien
62
Dänemark
50
Frankreich
34
Deutschland
27
Irland
25
Österreich
3
Australien
0
Brasilien
0
Kanada
0
China
0
Indien
0
Japan
0
Korea
0
Russland
0
Singapur
0
Taiwan
0
Südafrika
0
Spanien
0
Italien
0
Alle Berechnungen auf Basis der neuen Methode
Quelle: Innovationsindikator 2011