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Innovationsforschung
Die Hebelwirkung neuer Ideen
Innovationen sind wichtig, dringend erforderlich, um Wachstum und Wohlstand zu sichern. Doch sie entfalten eine Hebelwirkung, die immer mitgedacht werden muss. Abläufe und Kompetenzen in Unternehmen ändern sich. Ebenso bewirken sie durch ihre Anwendung häufig wichtige Verhaltensänderungen innerhalb der Gesellschaft, wenn nicht gar gesellschaftliche Innovationen. Was sind nun Innovationen, wie entstehen sie und welche Folgewirkungen haben sie?
Automobil, Fließband, Kartenautomat oder Internet – historische Innovationen, die den Status quo maßgeblich veränderten. Sie brachten nicht nur dem Einzelnen einen erheblichen Nutzen, sondern führten auch zu weitreichenden Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Die reine Erfindung allein, wie etwa der erste Prototyp des Automobils von Carl Benz, besaß allerdings noch nicht den Status einer Innovation. „Erst durch Interaktion werden Erfindungen zu Innovationen“, so der Soziologe Dr. Holger Braun-Thürmann von der Universität Hamburg. Ihre Neuartigkeit muss von anderen als solche wahrgenommen und kommuniziert werden, Unternehmer müssen in ihre Herstellung investieren und Kunden sie kaufen, nutzen oder ganz einfach konsumieren.
Das Spektrum der neuartigen „interaktiven Produkte“, wie Dr. Braun-Thürmann Innovationen charakterisiert, ist groß, reicht von reinen Produkten, über Dienstleistungen und Vertriebswege, Geschäftsmodelle und Prozesse bis hin zu Organisationsstrukturen und sozialen Innovationen wie etwa Personalentwicklungskonzepten. Entscheidend dabei ist die Innovationshöhe. Unterschieden wird in kleinschrittige und radikale Veränderungen. Eine kleinschrittige Veränderung wäre etwa eine neue Oberflächenbeschichtung mit mehr Glanz. Antriebsfeder sind hier oft Marktsignale oder konkrete Kundenwünsche, bestehende Produkte zu verbessern. Radikale Innovationen entstehen durch intensive Forschungs- und Entwicklungsbestrebungen, basieren auf antizipierten Kundenwünschen – wie etwa bei Pharmaprodukten. Häufig resultieren aus diesen Bestrebungen aber auch bahnbrechende Erfindungen, die nicht beabsichtigt sind – wie etwa die des Telefons. Erfunden wurde es eigentlich als technisches Prinzip für die einseitige Nachrichtenübermittlung – man wollte Anweisungen an Untergebene weiterleiten oder Konzerte übertragen.
Die Kategorien der Innovation
Technische Innovation
Ob Automobil, Fließband, Computer, Waschmaschine oder Klettverschluss – die Liste der technischen Innovationen ist lang, sie sind der Treiber nahezu aller technischen Branchen. Ihre Auswirkungen sind gerade, wenn es sich um technische Neuerungen im Alltag handelt, schnell spürbar. Zu den wichtigsten Innovationen im Alltagsleben zählen zum Beispiel elektronische Geräte wie Spül- und Waschmaschine oder der Kühlschrank. Diese zeitsparenden Errungenschaften der Alltagsbewältigung ermöglichten es, die Zeit anders zu nutzen – etwa für berufliche Tätigkeiten. Oder sie revolutionierten wie der Kühlschrank die Vorratshaltung und beeinflussten Produktion, Transport und Handel von Lebensmitteln. Ähnliche Veränderungen brachte etwa die Erfindung der ersten Tonträger mit sich: Musikhören war nicht mehr an Raum und Zeit gebunden, konnte auf Tonträgern gespeichert und jederzeit abgespielt werden. Die weitere Optimierung von Tonträgern und Abspielgeräten war dann der Motor für das Entstehen ganz neuer Industriezweige.
Prozessinnovationen
Effizienz und die Anpassungsfähigkeit an neue Bedingungen sind für viele Unternehmen wichtige Eigenschaften, um im Markt zu bestehen. Prozessinnovationen – egal in welchem Unternehmensbereich – machen die Abläufe und Prozesse in Unternehmen effizienter, flexibler und innovativer. Sie sind eine der wichtigsten Grundlagen und Voraussetzungen für technische Innovationen. Automatisierungen etwa durch den Einsatz von Robotern gehören dazu, die in unmittelbarer Nähe der Menschen arbeiten können und so die Produktion schneller und effizienter gestalten. Oder: Die intelligente Steuerung der Produktion über Computer sorgt für mehr Effizienz und Sicherheit. In diese Kategorie gehören auch neue Organisationsformen, die die Motivation der Mitarbeiter verstärken – etwa durch bereichsübergreifende Zusammenarbeit oder ein partizipatives Innovationsmanagement.
Dienstleistungsinnovation
Nicht nur Flexibilität und Professionalisierung in Forschung und Entwicklung tragen zur Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen bei. Zunehmend wichtiger werden für den Unternehmenserfolg auch Dienstleistungsinnovationen. Im Bankensektor etwa war das Online-Banking eine weitreichende Service-Innovation, die Kunden den Weg in die Filiale ersparte und vor allem junge, computeraffine Menschen integrierte. Die Bankhäuser ihrerseits konnten ihre Infrastruktur verschlanken und dadurch Personal und Kosten sparen. Eine weitere bekannte Innovation ist das von IKEA eingeführte neuartige Geschäftsmodell, nachdem Kunden ihre Möbel selber zusammenbauen können. Das hat den Möbelverkauf nahezu revolutioniert und Wertschöpfungsanteile stärker auf den Kunden verlagert.
Soziale Innovation
Oftmals entstehen gesellschaftliche Innovationen in Abhängigkeit von technischen Innovationen und Prozessinnovationen. Beispiele dafür sind Zeitkonten, Gleitzeit oder die Lebensarbeitszeitkonten. Auch die Zeitarbeit als Folge des schwankenden Bedarfs an Arbeitskräften gehört in diese Kategorie. Neue Kommunikationsformen wie E-Mail-Korrespondenzen, Chat-Rooms oder ganz einfach persönliche Gespräche über große Entfernungen entwickelten sich aus technischen Neuerungen wie Telefon, Computer oder Internet. Doch soziale Innovationen entstehen auch unabhängig von technisch-wirtschaftlichen Innovationen wie etwa die Einführung des Kindergartens durch Friedrich Fröbel (1782-1852). Ergänzend zur Familie konnten Kinder nun in der Gemeinschaft von Gleichaltrigen erzogen werden. Oder die nicht-eheliche Lebensgemeinschaft, die aus dem Protest gegen bürgerliche Konventionen resultierte. Sie eröffnete die Möglichkeit für neue Lebensformen, bei denen finanzielle Absicherung als Zweck wegfällt.
Dem Zufall auf die Sprünge helfen
„Innovationserfolge lassen sich nicht zuverlässig planen“, weiß Prof. Dr. Bernd Kriegesmann, Präsident der FH Gelsenkirchen sowie Vorstandsvorsitzender des Instituts für angewandte Innovationsforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Das gelte für Innovationsprozesse in kleinen Unternehmen ebenso wie für die in großen. Unternehmen könnten dem Zufall jedoch auf die Sprünge helfen – durch einen strukturierten Innovationsprozess, der nicht an Phasen festgemacht ist, sondern Aufgaben klar definiert. Zunächst ist von der Unternehmensleitung ein Orientierungsrahmen zu definieren mit Anwendungsfeldern, in denen Innovationen erwünscht sind. Die Ausrichtung kann sich an den Wünschen und Bedürfnissen bisheriger Kunden orientieren, aber auch eigene Potenziale auf neue Anwendungsfelder hin abklopfen. Prof. Kriegesmann: „Letzteres passiert in Deutschland noch viel zu selten.“ Er schildert das positive Beispiel eines Mittelständlers, der Druckwalzen bzw. rollierende Metallkörper mit Polymerverbindungen beschichtet und dieses technologische Know-how auf die Handläufe von Rolltreppen übertragen hat. Mit großem Erfolg.
Der zweite Aufgabenblock fällt der Ideenentwicklung zu. Gerade für radikale Innovationen werden Kreative gebraucht, die vom Routinegeschäft befreit Handlungsspielräume erhalten – aber nicht im Sinne von Spielwiesen –, um neue Ideen zu entwickeln. In der Regel eigneten sich dafür 10 bis 15 Prozent der Mitarbeiter, die zukunftsorientiert agierten. Die gelte es herauszufiltern und zu aktivieren. Aber nicht nur die „Big Ideas“, sondern die vielen kleinschrittigen Verbesserungen sind anzusteuern. Das ist in der Breite der Mitarbeiter anzugehen. Um bei den Ideen die Spreu vom Weizen zu trennen, sind robuste und klare Bewertungskriterien für Innovationsprojekte zu bestimmen. Eine strenge Wirtschaftlichkeitsprüfung sollte allerdings nicht allzu früh erfolgen. Für die weitere Umsetzung sind die technischen und organisatorischen Bedingungen in Unternehmen genau zu prüfen. „Oft herrscht kein Mangel an Ideen in Unternehmen, aber ein Mangel an Umsetzung“, sagt Prof. Kriegesmann.

Innovation als generalisiertes Handlungsmotiv
Denn gerade technische Innovationen seien „keine minimal-invasiven Eingriffe“. Sie hätten eine Hebelwirkung, die oft nicht mitgedacht wird und das Aus für viele Innovationsprojekte bedeutete. Folgewirkungen seien etwa Veränderungen in der Fertigungstechnik und den Zuliefererstrukturen oder die Notwendigkeit neuer Kompetenzen bei Produktionsmitarbeitern, Einkäufern und Vertrieblern. Nur selten blieben die Wirkungen jedoch auf das Unternehmen beschränkt. „Technologisch-wirtschaftliche Innovationen und gesellschaftliche Innovationen kann man nicht getrennt voneinander betrachten“, sagt der Soziologe Dr. Braun-Thürmann. Man denke nur an die Erfindung des Computers und des Internets, die heute die ganze Gesellschaft durchdringen und zu völlig neuen, innovativen Kommunikations- und auch Arbeitsformen geführt haben. Neue Studiengänge und Ausbildungsgänge etwa sind entstanden, um die erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln, neue Gesetze wurden erlassen, um die Datenflut im Internet zu regeln.
Und der Soziologe Dr. Braun-Thürmann denkt noch weiter. Technische Innovationen bewirken nicht nur soziale Innovationen und umgekehrt. Das Streben nach Innovation hat sich längst auf andere gesellschaftliche Bereiche wie die Politik, das Bildungswesen, Verwaltungen oder das Gesundheitssystem übertragen. „Innovation ist zum generalisierten Handlungsmotiv geworden“, so Dr. Braun-Thürmann. Dazu haben nicht zuletzt die gewachsenen institutionalisierten und professionalisierten Strukturen etwa in den modernen Naturwissenschaften oder der Forschung und Entwicklung beigetragen. „Diese sind darauf spezialisiert, systematisch, betriebsförmig und mit wissenschaftlichen Methoden Innovationen hervorzubringen und in weite gesellschaftliche Kreise diffundieren zu lassen.“ Verstärkt werde dieses Phänomen durch „eine gesellschaftliche Kommunikationsweise etwa der Massenmedien, die bevorzugt das Neue mit der knappen Ressource Aufmerksamkeit belegt“.
Mehr zum Thema
Webseite des Zentrums für soziale Innovation
Webseite der Initiative Soziale Innovation für Europa
Webseite des Instituts für Angewandte Innovationsforschung e. V.
Informationen zur Internationalen Leitkonferenz für Social Innovation, Entrepreneurship und Social Impact Business
Webseite Innovations-Report
Innovationsindikator 2011

Die Studie vergleicht die Innovationsstärke Deutschlands mit jener der 25 wichtigsten Industrieländer in Europa, Asien und Nordamerika.
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Methodenbericht
Literaturverzeichnis







